Textauszüge von verschiedenen Kuratoren und Rednern über meine Arbeit


Denn wenn wir uns die Zeit nehmen, die diese Bilder fraglos erfordern, so ist es gerade das Fehlen motivischer Anziehungspunkte, das Ausbleiben von Effekten und Sensationen, das die Sinne schärft und den Blick auf sich selbst zurückwirft: eine Malerei ganz ohne Behauptungen; eine Malerei, deren Bildwelt in letzter Konsequenz nicht mehr verspricht, als wir, die Betrachter, mit unserer Einbildungskraft, unserer Erinnerung und Erfahrung einlösen können.

Dr. Stefan Rasche



(…) Mannigfaltige Assoziationen an Fels- oder Waldformationen, an neblige Wiesen- und Flusslandschaften stellen sich ein, immer in eine nächtliche, mehr verschleiernde als klar bezeichnende Stimmung gehüllt. Die Horizontale bleibt dabei wie in den abstrakten Kompositionen das bestimmende Element: Als tief liegender Horizont, als verfließende Grenze zweier nicht eindeutig bestimmbarer Bildschichten oder als Lichterscheinung in der Ferne zu lesen, verleiht sie den Gemälden eine innere Ruhe, in der alles in einer Art Schwebezustand gehalten wird. Der Eindruck von Landschaft stellt sich in diesen Bildern unmerklich ein, bei aller Andeutung und Vagheit in den einzelnen Formen und Elementen allerdings unabweisbar in der Gesamtwirkung der Komposition. Gesteuerter Zufall, sekundenschnelles Reagieren auf das Verlaufen des Malmaterials, Ölfarbe mit Leinöl und Firnis, Farb-vermischungen und Farbabstoßungen, planvolle Untermalungen einerseits und gleichzeitig das Überrascht-Werden und das Zulassen von plötzlich auftretenden Malereignissen liegen diesen Arbeiten zugrunde. Nicht zufällig erinnern sie an die Prozessualität chinesischer Tuschmalerei oder auch an die überraschend modernen Traumlandschaften, welche der als als Romancier bekanntere Victor Hugo mit Pinsel und Tusche bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts anfertigte. Wie diesem geht es Mi-Kyung Lee nicht um das naturalistische Abbild einer gesehenen oder erlebten Landschaft, sondern um den Versuch, eine Stimmung, eine Atmosphäre einzufangen: Melancholie, Versunkenheit, Erinnerung an Landschaften der Kindheit klingen an, um sich sofort wieder zu verflüchtigen. Andeuten und Verbergen halten sich in einer sensiblen Balance – nichts wird zur Eindeutigkeit ausformuliert, nichts wird dechiffriert, ein traumhafter Schleier scheint diese Landschaften des Inneren für den Betrachter in eine nicht greifbare Ferne zu entrücken. (…)

Sepp Hiekisch-Picard



Eine Vielzahl von Aktionen führen also zur Bildformung: Mi-Kyung Lee setzt in ihrer Arbeit Farbe in Bewegung!

Bei aller Verschiedenheit der Vorgehensweise und Unterschiedlichkeit der malerischen Aktionen, von langsam bis sehr schnell, ist wahrzunehmen, dass die Künstlerin in ihrer Arbeit, im Umgang mit der Farbe die sichere Ruhe bewahrt, die das Bild braucht, um so wirken zu können, wie es dem Betrachter begegnet.

Es gibt keine begrenzenden Farbsetzungen: Immer ist erlebbar, dass die Bildgröße und das Format nur die physi-schen Grenzen des Wahrnehmbaren sind. Die Intentionen der Malerin weisen weit über den Bildrand hinaus.

Ehe sich ein bestimmtes Motiv offenbart oder Motivassoziationen bilden, setzt etwas Bedeutendes ein: Der Vor-gang der Entstehung eines Bildes ist nachzuempfinden.

In der Textur der Oberfläche wird offengelegt, was da passiert ist, um den Betrachter so sehr zu beeindrucken. Es agieren unterschiedliche Beschaffenheiten des Farbmaterials in der jeweils auftretenden Form – satter Glanz, reflektierende, matte, stumpfe oder aufsaugende Oberfläche. Sie lassen wechselnde Wahrnehmungen entstehen.


Ekkehard Neumann


 

… eine Landschaft jenseits der Landschaft, fern jeder Abbildhaftigkeit, vielleicht sogar: ein Landschaftsextrakt, das potenziell alle Landschaften umfasst, noch in Entstehung begriffen, irgendwo zwischen völliger Leere und maximaler Dichte. (…) Gerade in ihrer zurückhaltenden, unaufdringlichen Komposition erscheinen uns die Bilder freilich nicht als benennbare Naturporträts, sondern eher als Visionen, vielleicht sogar als Ideen einer Landschaft.

Dr. Stefan Rasche

 



(…) Interessant ist nun, dass auch der westliche Betrachter sofort und unmittelbar Zugang zu Mi-Kyung Lees Bildästhetik findet. Die Sehtradition, in der er unwissentlich steht, ist die der Photographie. Durch sie hat er sich an eine Betrachtung der Welt in Schwarz und Weiß gewöhnt wie durch kein anderes Medium zuvor – weder Kupferstich noch Holzschnitt oder Bleistiftzeichnung – und an die Idee, dass auch schwarz-weiße Bilder die gesamte farbige Welt wiedergeben können.
Auch eine metaphorische Bedeutung kommt der Photographie zu: Wie man sich in die Dunkelkammer begibt, wo beim Ausbelichten der Bilder ganz allmählich aus dem Weiß des Papiers ein Bild entsteht, stehen wir als Betrachter vor den Dunkelbildern von Mi-Kyung Lee. Wir fungieren sozusagen selbst als »Entwickler« und durch anhaltende, eingehende Betrachtung erscheinen nach und nach immer mehr Details, wird aus dem abstrakten Schwarz allmählich ein ungeheuer tiefer Raum, eine Landschaft.
Oder aber viele Landschaften. Denn oft genug passiert es, dass man in einem Gemälde so viele Details entdeckt, dass sie einander zu widersprechen beginnen. Wenn das dort die Horizontlinie ist, dann kann das Weiße darüber unmöglich ein Wasserspiegel sein. Wenn aber über dem Wasser erst der Horizont beginnt, wo kommen dann die Berge darunter her? Und wie kann die schwarze Zone dort ein Wald sein, wo sie doch auf der anderen Seite des Bildes als Fluss erscheint?
So kann es geschehen, dass wir einen Dreischritt vollziehen: Aus den gegenstandsfernen Schwarz-Weiß-Bildern sehen wir eine Landschaft auftauchen, die allmählich wieder in die Abstraktion wegdämmert, in ihre rein malerischen Bestandteile zerfällt, als halluziniertes Traumgespinst einer Landschaft letztlich ungreifbar bleibt. (…)

Dr. Stephan Trescher



Das Bild entsteht im Betrachter – diese Binsenweisheit aus der Wahrnehmungslehre illustrieren Lees Gemälde so eindringlich wie nonchalant, denn die Identifizierung der Schwarz-, Grau- und Weißspuren mit Bodenflächen, Baumgruppen, Wasser- oder Himmelsweiten wird dem erfahrenen Auge allein durch die bildoffene Maltechnik subtil nahegelegt. Da wird ein Farbsaum zum Horizont und eine dünne Graulasur zur Wolkenformation – in der Konfrontation mit der schwarzen Farbmasse öffnet sich imaginativer Raum. Mi-Kyung Lees Kalkül liegt in diesem extrem reduzierten Bildgebungsverfahren: Verzicht auf aufdringlich-eindeutige Motivik, Betonung des materiellen Trägers und Restriktion des Kolorits auf zwei basale Qualitäten. Das wirkt oft gelassen-ruhig, manchmal dramatisch, meist sogar soghaft meditativ – und doch sind diese Arbeiten kein phantasmagorisches Bildblubbern, sondern kühl geplante Inszenierungen, die mit ihrem struktiven Aufbau und ihren starken visuellen Setzungen eine klare Ästhetik offenbaren.

Christoph Zitzlaff