Blackscapes

Was ist nicht schon alles über das Ende der Landschaftsmalerei schwadroniert worden:

„Es gibt keine Landschaft mehr“, meinte Fernand Léger bereits 1925. Nach dem Ende der klassischen Moderne folgten mit Abstraktion und Informel, Pop- und Op-Art und unseren lieben postmodernen sowie dekonstruktivistischen Prozessen alles Mögliche, nur eben keine genuine Auseinandersetzung mit dem klassisch-bildgebenden Topos der Landschaft mehr. Auch der derzeitig heftige Hype um figürliche Malerei bedient bei aller Gegenständlichkeit zumeist nicht gerade die altgediente Vedute.

Unter diesen Umständen ist es doppelt spannend, wenn eine Künstlerin heute das Wagnis eingeht, das vermeintlich obsolet gewordene Bildgenre neu zu hinterfragen – zumal, wenn sie aus Korea stammt und ganz traditionell europäisch in Öl auf Leinwand malt. „Ganz weit weg“ nennt Mi-Kyung Lee, die 1967 in Chung Ju geboren wurde und an den Akademien in Seoul und Münster studiert hat, denn nicht von ungefähr ihre Ausstellung im Schauraum des Fördervereins Aktuelle Kunst in Münster. Zu sehen gibt es Landschaftsbilder, die bei aller unterschiedlichen Motivik eines eint: Es sind allesamt monochrome Arbeiten in Schwarz-

Weiß, gemalt in großzügigen, wiewohl genau kalkulierten Pinselzügen, stets auf dem schmalen Grat zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion fluktuierend. Denn dass es Landschaften sind, die man da sieht, behaupten die Bilder nicht, jedenfalls nicht durch plumpe Abbildhaftigkeit.

Das Bild entsteht im Betrachter – diese Binsenweisheit aus der Wahrnehmungslehre illustrieren Lees Gemälde so eindringlich wie nonchalant, denn die Identifizierung der Schwarz-, Grau- und Weißspuren mit Bodenflächen, Baumgruppen, Wasser- oder Himmelsweiten wird dem erfahrenen Auge allein durch die bildoffene Maltechnik subtil nahegelegt. Da wird ein Farbsaum zum Horizont und eine dünne Graulasur zur Wolkenformation – in der Konfrontation mit der schwarzen Farbmasse öffnet sich imaginativer Raum. Mi-Kyung Lees Kalkül liegt in diesem extrem reduzierten Bildgebungsverfahren: Verzicht auf aufdringlich-eindeutige Motivik, Betonung des materiellen Trägers und Restriktion des Kolorits auf zwei basale Qualitäten. Das wirkt oft gelassen-ruhig, manchmal dramatisch, meist sogar soghaft meditativ – und doch sind diese Arbeiten kein phantasmagorisches Bildblubbern, sondern kühl geplante Inszenierungen, die mit ihrem struktiven Aufbau und ihren starken visuellen Setzungen eine klare Ästhetik offenbaren.

Indem Mi-Kyung Lee ganz aus den malerisch-intrinsischen Möglichkeiten schöpft – die Bilder generieren sich eher als Zufallsbefunde des Materiellen und eben nicht aus der Beobachtung á la William Turner –, bleiben sie bei aller gegenständlichen Assoziationsdichte letztlich doch abstrakt, gleichsam zeitlose schwarzgefilterte Diffusionen des Natürlichen. Bei Mi-Kyung Lees Herkunft denkt man unwillkürlich an asiatische Tuschzeichnungen in dezidiert kalligraphischem Duktus. Dass sich die Künstlerin davon völlig emanzipiert hat, beweist ihre aktuelle Ausstellung. Und dennoch würde man gerne wissen: Was hätte Hokusai dazu gesagt?

Christoph Zitzlaff